Geschichte
Von der Gründung bis Karl IV.
Die Legende erzählt, dass Prinzessin Libuše auf dem Vyšehrad stand, über die Moldau blickte und prophezeite: „Ich sehe eine große Stadt, deren Ruhm die Sterne berühren wird." Sie befahl, an der Stelle eine Burg zu errichten — Prag (von práh = Schwelle). Historisch belegt ist die Gründung der Prager Burg im 9. Jahrhundert durch die Přemysliden-Dynastie.
Die goldene Ära: Karl IV. (1346–1378)
Karl IV. war der bedeutendste böhmische Herrscher — und als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches der mächtigste Mann Europas. Er machte Prag zu seiner Residenz und verwandelte die Stadt in eine europäische Metropole:
- 1348: Gründung der Karls-Universität — die erste Universität Mitteleuropas (älter als Wien, Heidelberg, Krakau).
- 1348: Gründung der Neuen Stadt (Nové Město) — eine geplante Stadterweiterung, die Prags Fläche verdoppelte.
- 1357: Bau der Karlsbrücke — die steinerne Brücke über die Moldau, die 600 Jahre lang die einzige Verbindung zwischen Alt- und Kleinseite war.
- 1344: Beginn des Veitsdoms — die gotische Kathedrale, die erst 1929 vollendet wurde.
Unter Karl IV. hatte Prag 40.000 Einwohner — eine der größten Städte Europas, größer als London oder Paris zu jener Zeit. Die Stadt war ein Zentrum der Kultur, der Wissenschaft und des Handels.
Hussiten, Habsburger & Fenstersturz
Jan Hus und die Hussitenkriege (1415–1436)
Der Prager Prediger und Reformator Jan Hus kritisierte die Korruption der Kirche — 100 Jahre vor Martin Luther. 1415 wurde er in Konstanz als Ketzer verbrannt. Seine Anhänger, die Hussiten, erhoben sich in einem erbitterten Glaubenskrieg, der Böhmen und ganz Mitteleuropa erschütterte. Die Hussitenkriege prägten Tschechiens Identität als Land des Widerspruchs gegen autoritäre Macht — ein Thema, das sich durch die Jahrhunderte zieht.
Der Prager Fenstersturz (1618)
Am 23. Mai 1618 warfen protestantische böhmische Adlige zwei kaiserliche Statthalter und ihren Sekretär aus dem Fenster der Prager Burg — 17 Meter in die Tiefe. Die Opfer überlebten (sie landeten auf einem Misthaufen, sagen die Protestanten; Engel retteten sie, sagen die Katholiken). Dieser Zweite Prager Fenstersturz löste den Dreißigjährigen Krieg aus — den verheerendsten Konflikt Europas bis zum Ersten Weltkrieg.
Die Habsburger-Herrschaft
Nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg (1620) unterwarfen die Habsburger Böhmen für 300 Jahre. Die protestantische Elite wurde vertrieben oder hingerichtet (27 Anführer wurden auf dem Altstädter Ring enthauptet — noch heute markieren 27 Kreuze im Pflaster die Stelle). Tschechisch wurde als Amtssprache verboten, die Gegenreformation erzwungen. Die barocken Kirchen und Paläste Prags — so schön sie sind — sind auch Monumente der Habsburger-Unterdrückung.
Von der Unabhängigkeit zur Samtenen Revolution
Erste Republik (1918–1938)
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Tschechoslowakei gegründet — mit Prag als Hauptstadt und Tomáš Garrigue Masaryk als erstem Präsidenten. Die Erste Republik war der demokratischste und wirtschaftlich erfolgreichste Staat Mitteleuropas — bis Hitler kam.
NS-Besatzung und Kommunismus
1939–1945: NS-Deutschland annektierte die Sudetengebiete (Münchner Abkommen 1938) und errichtete das „Protektorat Böhmen und Mähren". Die jüdische Bevölkerung wurde systematisch deportiert und ermordet — von 118.000 tschechischen und mährischen Juden überlebten nur 26.000.
1948–1989: Nach einem kommunistischen Putsch wurde die Tschechoslowakei ein Satellitenstaat der Sowjetunion. Der Prager Frühling 1968 — der Versuch, einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen — wurde von sowjetischen Panzern brutal niedergeschlagen. Jan Palach verbrannte sich 1969 auf dem Wenzelsplatz aus Protest.
Die Samtene Revolution (17. November 1989)
Am 17. November 1989 demonstrierten Studenten auf der Národní třída (Nationalstraße) — die Polizei schlug brutal zu. Die Empörung wuchs, binnen Tagen versammelten sich 500.000 Menschen auf dem Wenzelsplatz. Sie klirrten mit Schlüsseln — das Symbol für das „Aufschließen der Freiheit". Der Dramatiker Václav Havel führte die Opposition an und wurde im Dezember 1989 zum Präsidenten gewählt. Am 1. Januar 1993 trennte sich die Tschechoslowakei friedlich in Tschechien und die Slowakei — die „Samtene Scheidung".
EU-Beitritt und Gegenwart
2004 trat Tschechien der EU bei (aber nicht dem Euro — die Krone bleibt). Prag hat sich seitdem zu einer der beliebtesten Städtereisedestinationen Europas entwickelt — mit allen Vor- und Nachteilen des Massentourismus. Die Stadt kämpft mit steigenden Mieten, Airbnb-Druck und der Balance zwischen Tourismus und Lebensqualität.
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